Geschichten

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Die Reise ihres Lebens

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Kurzgeschichte von Martina Rens

 

        Wie sie aß. Wie sie mit ihren dicken fleischigen Fingern den fettigen Hühnerschenkel hielt. Den oberen Teil hatte sie ganz mit ihrer Hand umfasst, wie ein kleines Kind, dem noch keine Tischmanieren beigebracht wurden. Die wurstigen Finger mit den dick lackierten Fingernägeln, an denen der rote Nagellack teilweise abgeplatzt war, trieften vor Fett. Klauen gleich, gruben sich die Nägel in das weißlich graue Fleisch des bereits zur Hälfte abgenagten Schenkels. 

Sie hob das Fleischstück an ihrem Mund, biss hinein und riss mit den Zähnen ein Stück heraus. Schnaufend kaute sie darauf herum. Die grellrote Farbe, die sie wie immer auf den Lippen trug, war verschmiert und gab ihr das Aussehen eines Clowns. Eines bösartigen Clowns. Ihre untere Gesichtshälfte glänzte fettig, die schwabbeligen Wangen und das Dreifachkinn, das nahtlos in den ausufernden Hals überging, schaukelten heftig beim Kauen. 

Angewidert schob er seinen Teller weg. Ihm verging der Appetit, wenn er ihr beim Essen zusah. 

Sie schaute ihn an. „Isst du dein Hähnchen nicht mehr?“ fragte sie mit ihrer durchdringend schrillen Stimme, die ihm durch Mark und Bein ging und die er genauso unerträglich wie ihren Anblick fand. 

Ohne seine Antwort abzuwarten, griff sie über den Tisch und zog seinen Teller zu sich heran. Ihre unförmigen, teigigen Oberarme schaukelten hin und her und verteilten dabei ihren Geruch. Sauer und ungewaschen, mit unterschwelligem Fischaroma, und nur mühsam von ihrem viel zu schweren Parfum übertüncht, das bei ihm wie ihr Geruch Übelkeit hervorrief. 

Er hatte seinen Hähnchenschenkel kaum angerührt und auch die Beilagen nur von einer Seite zur anderen geschoben. 
Heute würde er es endlich wagen. 

Wie ihn diese Frau ihn anwiderte. Dreißig Jahre saß er ihr nun Tag für Tag beim Essen gegenüber. Wo war die Frau geblieben, die er einmal geheiratet hatte? Wo ihre atemberaubende Figur, die ihn jedes Mal, wenn er sie nur ansah, so erregte, dass er sie am liebsten auf der Stelle genommen hätte? Wo war ihr Humor geblieben, ihre witzigen und trockenen Sprüche, bei denen er sich vor Lachen die Tränen aus den Augen wischen musste? Diese Frau gab es nicht mehr. Sie war weg. Mutiert zu einem ungeheuerlichen, unbeweglichen Fettkloß, der seine Tage damit verbrachte, alles Essbare in sich hineinzustopfen, dessen er habhaft werden konnte. 

Mit jedem Kilo, das sie zunahm, verschwand auch ihr Humor ein bisschen. Ihr Lachen. Aus ihren witzigen Sprüchen wurden Bemerkungen, dann spitze Bemerkungen und schließlich hasserfüllte, anklagende Tiraden mit immer und immer wieder dem gleichen Thema. Er war ein Versager. 

Doch damit war jetzt Schluss.

Die Reise hatte er heimlich gebucht. Als Überraschung für den runden Hochzeitstag, hatte er zu ihr gesagt. Sie meckerte trotzdem. Wieso eine Kreuzfahrt in den Norden?

Es war eine spontane Entscheidung von ihm. Im Norden hatte es begonnen, im Norden sollte es enden. Endlich.

***

         Es war schon spät am Abend, doch noch immer so hell, dass man ohne Licht lesen konnte. Der Wind hatte aufgefrischt, daher war er nach unten in die Kajüte gegangen, um sich eine Jacke zu holen. 

Er lächelte, als er zurück an Deck ging. Das Schiff hob und senkte sich leicht. Vorsichtshalber hielt er sich mit der rechten Hand an der Reling fest. Er war nicht mehr der Jüngste, und sein Gang war auch ohne das Schwanken des Schiffes etwas unsicher. Mit kleinen Schritten trippelte er an den Liegestühlen vorbei, weiter, bis er die beiden abseitsstehenden Liegen erreicht hatte. Etwas außer Atem blieb er stehen.

Seine Frau schlief. Ihr Kopf war zur Seite gefallen, und ihre Brille saß so schräg, dass sie jeden Moment von ihrer kleinen Nase zu rutschen drohte. Aus dem leicht geöffneten Mund mit dem weißlichen Speichel in den Mundwinkeln drang leises Schnarchen. 

Sie muss mehr trinken, dachte er. Ich werde beim Steward einen Tee für sie bestellen.                                   

Ihr Gesicht war entspannt, doch er erkannte an den leichten Zuckungen ihres Mundes und ihrer Augenlider, dass sie nicht fest schlief. 

Die Decke, unter die sie sich gekuschelt hatte, weil sie trotz Jacke fror, war etwas nach unten gerutscht, aber ihre Hände lagen unter der Decke. 

Das Buch, in dem sie gelesen hatte, war neben ihr auf den Boden gefallen und lag halb unter dem Liegestuhl. Seine aufgeschlagenen Seiten flatterten mal nach rechts, mal nach links, ganz so, als ob ein unsichtbarer Leser suchend darin hin und her blätterte.

Der Wind spielte mit ihren weichen grauen Locken und blies ihr vorwitzig eine Strähne ins Gesicht. Es kitzelte sie offenbar, denn sie bewegte ihre Nase wie ein schnupperndes Häschen. Ihre rechte Hand kam unter der Decke hervor, fuhr sich über das Gesicht und blieb dann auf der Decke liegen. Dabei rutschte die Brille ganz hinunter und landete neben ihrer Hand. 

Er lächelte. Liebevoll betrachtete er seine Frau. Sie strahlte auch im Schlaf so viel Wärme und Würde aus, dass es ihn rührte. Ihr Gesicht mit den vielen tiefen Falten und Runzeln war selbst jetzt im Alter noch schön. Es sah so weich aus, so durchsichtig. Zerbrechlich. 

Wie zartes und kostbares Seidenpapier, das zerknittert wurde, dachte er. Du bist einfach schön. 

Er zog den anderen Liegestuhl näher heran und setzte sich ächzend so darauf, dass er sie weiter anschauen konnte. 

Ihre rechte Hand bewegte sich unruhig auf der Decke. Der breite Ehering aus Rotgold schnitt in ihren Ringfinger ein. Sie hatte sich geweigert, ihn abzunehmen, obwohl ihre Hände und Finger von den vielen Infusionen der letzten Monate aufgeschwollen waren. Sie waren übersät von Alterspigmenten und blauen Flecken. Trotzdem hatte sie sich ihre Fingernägel sorgfältig maniküren lassen. Sie waren kurz geschnitten und durchsichtig lackiert, mit kleinen weißen Rändern. Franchise Nägel nannte sie sie etwas spöttisch. 

„Krankheit ist keine Entschuldigung dafür, sich gehen zu lassen“, sagte sie immer zu ihm, wenn er sie bat, sich nicht zu überanstrengen. „Wer sich gehen lässt, ist länger krank und bemitleidet sich nur selbst.“

Das mit der Krankheitslänge stimmte nur bedingt, aber er lächelte sie dann immer nur an und drückte ihre Hand.

Sie hatte sich für diese Reise sogar eine leichte Dauerwelle machen lassen, um weniger Mühe beim Frisieren zu haben. Auf seine Bemerkung, dass es einen Friseur an Bord gäbe, zu dem sie sogar täglich gehen könnte, wenn sie wollte, erwiderte sie nur, dass sie nicht das ganze Reisetaschengeld für ihre Haare ausgeben wolle. 

Dabei spielte Geld für sie beide auf dieser Reise keine Rolle. Es war die letzte Reise ihres Lebens. Ihres gemeinsamen Lebens.

Eine Kreuzfahrt in den Norden, dorthin, wo sie sich kennengelernt hatten. Vor über fünfzig Jahren.

Er konnte sich an den Tag erinnern, als ob es gestern war. 

Sie hatten beide ihren Urlaub in Schweden verbracht, er mit seinem besten Freund, sie mit ihren Eltern.

Es war Mittsommer, und in dem kleinen Dorf hatten sich Einheimische und Touristen am Strand versammelt, um die Sommersonnenwende zu feiern. Sein Freund war mit der blonden Schwedin verschwunden, die ihn schon den ganzen Abend angelächelt hatte.

Also lief er allein und etwas ziellos zwischen den feiernden Menschen umher und setzte sich schließlich etwas abseits auf einen dicken Baumstamm, den das Meer irgendwann einmal angetrieben hatte.

Es wurde nicht dunkel zu dieser Jahreszeit. Die Arme um seine angewinkelten Beine geschlungen, starrte er auf den Horizont, den er noch immer erkennen konnte, auch wenn die Grenze zwischen Wasser und Himmel leicht unscharf war.

„Es schmilzt.“ 

Die Stimme mit dem weichen Akzent sprach das aus, was er gerade dachte. Er drehte seinen Kopf zur Seite. 

Sie stand einfach nur da und blickte wie er auf das Meer hinaus.

„Es sieht aus, als ob das Licht schmilzt. Es zerfließt, wie Sahne auf einem Schokoladenpudding. Sahniges Licht, und es bleibt einfach auf dem Meer liegen.“

Er sah sie an und er wusste, dass sie die Frau seines Lebens war. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass er noch einmal eine Frau treffen würde, die genau das sagt, was er gerade in diesem Moment denkt? Gering. Sehr gering.

Sie war klein und zierlich. Er könnte sein Kinn auf ihren Kopf legen, wenn er sie umarmen würde. Ihre goldblonden lockigen Haare reichten ihr bis auf die Schultern. 

Sie schaute noch immer auf das Meer, daher sah er nur ihr Profil. Das Profil eines Engels.  

Er stand auf, ging zu ihr hin und sank mit einem Knie in den Sand.

„Willst du mich heiraten?“

Die Hochzeit fand ein halbes Jahr später statt. Sie hätten ihre Hochzeitsreise gerne an den Ort gemacht, an dem sie sich kennengelernt hatten, doch sie war bereits schwanger und es gab Komplikationen. 

Immer wieder hatten sie sich vorgenommen, an diesen Ort zu reisen, aber es kam immer anders. 

Doch eigentlich machte es nichts aus. Sie war seine große Liebe und er ihre, daran hatte sich auch in den nun fünfzig Jahren Ehe nichts geändert. 

***

„Du hast mir offensichtlich nicht zugehört! Ich sagte, dass …“

Die restlichen Wörter beanspruchte eine Böe für sich; sie spielte mit ihnen, blies sie vor sich her und zerriss sie in Wortfetzen, die über die Reling hinaus aufs Meer flogen.

Der alte Mann blickte auf. Unweit ihrer Liegestühle stand ein Paar, direkt neben einem apfelgrünen Plastikstuhl, der in seiner einsamen Existenz an der Reling bemitleidenswert fehl am Platz wirkte.  

Die wenigen Wörter und die erregten Gesten des Paares sagten ihm, dass das Gespräch eher unerfreulich verlief. Die überaus korpulente Frau hielt die Reling mit beiden Händen so fest umklammert, dass ihre Finger mit den rot lackierten Nägeln weiß wirkten. Sie trug keine Jacke, nur ein sackähnliches Kleid, das der Wind an ihren massigen Körper drückte. 

Der Mann, der neben ihr stand und jetzt einen Schritt vom Geländer zurücktrat, war so hager, dass sich der alte Mann unwillkürlich fragte, ob ihm seine Frau – er vermutete, dass es seine Frau war – das Essen wegaß. 

Der Mann drehte sich zur Seite und sah den alten Mann für einen Moment blicklos an. Uralte Augen hinter Brillengläsern. Sein schmales Gesicht trug jenen resignierten Ausdruck, der sich bei Menschen nach jahrelangem Erdulden einer ausweglosen Situation fest in das Antlitz eingegraben hat. 

Der Mann setzte zum Sprechen an, doch die Frau ließ ihn nicht zu Wort kommen. Der alte Mann hörte ihre schrille keifende Stimme Wörter schreien, die ihn erstarren ließen.

„Du willst dich von mir trennen? Du? Von mir? Du bist doch zu gar nichts imstande, du Versager, wie willst du dich dann von mir trennen?“ 

Sie hatte ihn an seiner Windjacke gepackt und schüttelte ihn wie eine Puppe hin und her. Er wehrte sich nicht.

„Bevor du dich von mir scheiden lässt, du missgebildetes Stück Ehemann, springen wir beide hier vom Schiff. Meinst du im Ernst, ich habe nicht kapiert, dass du diese Reise mit Hintergedanken gebucht hast? In den Norden, dort wo alles begonnen hat! Dort, wo deiner dämlichen Meinung nach das Licht so einmalig ist. Wie schmelzendes Softeis! Und ich dämliche Kuh fand das damals auch noch romantisch! Wie blöd war ich eigentlich, dass ich dich geheiratet habe?“ 

Sie ließ ihn los und sah ihn verächtlich an. 

„Du wirst dich nicht von mir scheiden lassen. Du hast es vor zwanzig Jahren nicht getan, du mickriges Männchen, und du wirst es auch jetzt nicht tun.“ 

Sie spie die Worte förmlich aus. Speichel landete in weißen Flocken auf seinem und ihrem Gesicht. Ihre fleischige Hand fuhr über den knallroten Mund und verwischte dabei die Farbe. Das vor Wut verzerrte Gesicht und der Kopf, der von Fettmassen umgeben, direkt auf ihren Schultern zu sitzen schien, wirkten wie von einer grotesken Karnevalsfigur.

Er sah sie an. 

„Doch“ sagte er. Mehr nicht.

Sie starrte ihn an. Dann stieg sie mit einer Behändigkeit, die ihr der alte Mann wegen ihrer Leibesfülle nicht zugetraut hätte, auf den Plastikstuhl. Mit einer Hand an der Stuhllehne und einer am Geländer versuchte sie langsam, aufzustehen. Dann ließ sie vorsichtig los, stellte sich aufrecht hin und sah auf ihren Mann hinunter. Eine Rachegöttin aus der Hölle.

„Na was ist, du Feigling? Willst du mich nicht wieder runterholen? Oder hast du Angst, dass du dabei selbst fällst? Würde dir ja gut in den Kram passen, wenn ich falle, oder?“

„Komm wieder herunter, Dorothea“, sagte er müde zu ihr. „Komm, ich helfe dir, dann reden wir in Ruhe.“ 

Er streckte die Hand aus, um ihr vom Stuhl zu helfen. Sie packte seine Hand und versuchte ihrerseits, ihn hochzuziehen.

Fast wäre es ihr fast gelungen. Doch plötzlich verlor sie das Gleichgewicht, rutschte seitlich weg und hing halb über der Reling, die Beine in der Luft. Seine Hand hielt sie noch immer fest.

Verzweifelt versuchte der Mann, sich und seine Frau zurückzuziehen. Der beachtliche Gewichtsunterschied zwischen ihnen entschied allerdings zu seinen Ungunsten. 

Ihr Oberkörper rutschte immer weiter nach vorne. Schreiend umklammerte sie seine Hand. Er versuchte, sich mit den Füßen abzustemmen, doch sie zog ihn mit.

Der alte Mann hatte wie erstarrt zugesehen. Jetzt stand er, so schnell es ging, auf und trippelte mit seinen kleinen Schritten zu dem Paar. 

Er kam an, als der Mann langsam mit dem Oberkörper über das Geländer rutschte. Schnell packte er die Beine des Mannes und zog mit aller Kraft. Es ging erstaunlich einfach, und etwas unsanft landete er auf dem Hintern. Er schaute zur Seite.

Der andere Mann lag regungslos neben ihm. Sanft berührte ihn der alte Mann an der Schulter.

„Es tut mir so leid“, sagte er. Der Mann schaute ihn an. 

„Ich wollte doch nur wieder glücklich sein“, sagte er tonlos. „Eine Scheidung hätte uns beide wieder glücklich gemacht. Bestimmt.“

Er stand auf und schwankte an der Reling entlang, hin zur Treppe. Dort drehte er sich um, schaute ihn noch einmal an und stieg dann die Treppe hoch. Kurz meinte der alte Mann, ein Lächeln auf seinem Gesicht gesehen zu haben.

***

Seine Frau war wach, als er zum Liegestuhl zurückkam.

„Geht es dir gut?“ fragte er sie. Sie lächelte ihn zärtlich an.

„Ja. Ich habe mir doch aus der Bordbibliothek ein Buch ausgeliehen. In dem Buch geht es um eine tragische Beziehung. Irgendwie bin ich beim Lesen eingeschlafen und habe dann geträumt.“ Sie überlegte kurz.

„Ich habe geträumt, dass er sich endgültig von ihr trennen will. Und sie waren auch auf einem Schiff. Die Frau war ein richtiger Drachen und unglaublich dick. Als er ihr gesagt hat, dass er sich scheiden lassen will, ist sie ausgerastet. Sie hat ihn aufs Übelste beschimpft und so getan, als ob sie über Bord springen will. Dabei hat sie aber das Gleichgewicht verloren. Sie hat den Mann festgehalten und wollte ihn mitziehen, aber der Mann konnte sich im letzten Moment losreißen, weil du ihm geholfen hast. Was für ein merkwürdiger Traum.“ Sie lachte.

„Ja“, sagte er und strich ihr sanft über die Wange. „Das war wirklich ein merkwürdiger Traum.“ 

Schmeckts?

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Schmeckt‘s?

Kurzgeschichte von Martina Rens

 

„Schmeckt’s?“ 

Sie hatte die belegten Brote für ihn auf einer großen Kuchenplatte angerichtet, zusammen mit Gewürzgurken und Mixed Pickles. 

Er sagt nichts, kaut langsam und schmatzend. Gelegentlich ist ein Schnaufen zu hören, wenn er sich über den Küchentisch beugt und eine der belegten Brotschnitten nimmt. Sein enormer Bauch stößt an den Tischrand und schiebt die abgenutzte Wachstuchtischdecke hoch, während seine dicken Wurstfinger nach einer weiteren Schnitte greifen. Er erhebt sich dabei etwas von der Küchenbank; jedes Mal, wenn er sich wieder fallen lässt, atmet er schnaufend aus.

„Ich habe extra Bauernmettwurst gekauft“, sagt sie, „die magst du doch so gern. Und seit Wolf auf der Bergstraße die Metzgerei geschlossen hat, konnte ich die nirgends mehr bekommen. Aber bei Real auf der Evinger Straße haben sie die jetzt auch im Sortiment.“

Er sagt noch immer nichts. Packt die Flasche Dortmunder Union Bier, die sie bereits geöffnet hingestellt hatte und leert die Flasche in einem Zug. Bei jedem Schluck bewegt sich sein Adamsapfel auf und nieder. Wie bei einem kollernden Truthahn, denkt sie. Das anschließende Rülpsen steigt tief und mit unbändigem Druck hörbar aus seinem Magen empor, rollt durch die Speiseröhre, hinauf in die Kehle, um sich dort mit donnergrollendem Getöse seinen Weg hinaus in die Freiheit zu bahnen.

Verstohlen sieht sie ihn an, fasziniert und angewidert zugleich. Kleine Biertropfen glänzen in seinem mächtigen Schnauzbart. Zitternd, als wüssten sie genau, dass sich die wulstigen Lippen 

unter ihnen jeden Moment öffnen konnten und sie eine fleischige Zunge – blitzschnell wie die einer Schlange – zusammen mit den hängengebliebenen Brotkrümeln in die schwarze Höhle fegen würde.

Jetzt verschwindet das Paderborner Brot mit Mett und Zwiebelwürfeln in seinem Mund, gefolgt von einem großen Stück eingelegten Blumenkohl und einer Gewürzgurke. Die Bierflasche ist leer. Er greift in den Bierkasten, der neben ihm steht und holt eine neue heraus. Das Brot mit Schmalz ist an der Reihe.   

Sie nestelt nervös an ihrer Küchenschürze. Sein Schweigen ist kein gutes Zeichen. Sie weiß, was kommen wird. Weiß, dass der volle Kasten Bier den heutigen Abend nicht überleben wird. Weiß, dass er, wenn sie Glück hat, vor dem Fernseher einschlafen und die Nacht tief schnarchend im Fernsehsessel verbringen wird. Wenn sie Glück hat.

Heute ist Schimanski-Abend, und sie hofft, dass eine der Wiederholungen läuft, in denen „Schimmi“ schon früh zuschlagen würde. Ist der Bierkasten zu dieser Zeit bereits fast leer, hat sie gute Chancen, unbehelligt schlafen zu können. Sein Alkoholpegel ist dann hoch genug, ebenso wie seine Zufriedenheit über den Verlauf des Krimis.

Hatten jedoch die Bösewichte die Oberhand, gewann auch in ihm das Böse; dem Dämon, der dann zutage trat, bereitete es sadistische Freude, sie zu erniedrigen und zu quälen. Vor allem, wenn es kriminellen Ausländern gelang, Schimanski in prekäre Situationen zu bringen. Dann steigert sich die angestaute Wut in seinem zugedröhnten Gehirn zu einer grenzenlosen Aggression, deren unkontrollierter Ausbruch einer Raserei, einer Gewalt-Ekstase glich. Sie würde sich was einfallen lassen müssen, ihre Nachbarin sah sie mittlerweile nur noch mit mitleidig hochgezogenen Augenbrauen an.

Ihre langen schwarzen Haare trägt sie schon lange nicht mehr. Anfangs hatte sie beim Einkaufen die großflächigen kahlen Stellen mit einer Hautkrankheit erklärt; später hatte sie den schmerzlichen Entschluss gefasst, ihren Kopf völlig kahl zu rasieren. Jetzt trägt sie eine dunkelblonde Perücke. Wenigstens kann er sie nicht mehr an den Haaren durch die Wohnung schleifen ...

Ihr Blick fällt auf den Teller mit dem Mett, der auf der Spüle steht. Der Hausmeister hatte ihr den Tipp gegeben, Mett mit Rattengift in den Keller zu stellen. Die Mülltonnen vom Döner-Imbiss nebenan sind für Ratten einfach unwiderstehlich, als Unterkunft hatten die Ratten die Keller in ihrem Haus gewählt.

Er mag keinen Döner. Alles ausländischer Kram. Pommes mit Mayo oder rotweiß und natürlich Currywurst. Oder gebratenes Hähnchen von Hähnchen-Max. Der ist auch Türke, aber da sah er großzügig drüber weg. Und natürlich sein Dortmunder Union Bier. Export. Bloß kein anderes. „Ein Dortmunder trinkt Dortmunder.“ Sein Standardspruch.

Mett mit Rattengift. Die Idee ist gut. Ratten sind schlau. An die Köderbox, die der Ungeziefermensch aufgestellt hatte, gehen sie nicht dran.

Wenn es für sie heute ein guter Abend wird, könnte sie später den Teller in den Keller bringen. Doch jetzt sollte sie ihn am besten mit Frischhaltefolie abdecken und beiseite stellen. 

Das Plopp reißt sie aus ihren Gedanken. Er hat mit dem Feuerzeug inzwischen die vierte Flasche geöffnet, die drei leeren stehen noch auf dem Tisch. Bevor er die Flasche ansetzt, nimmt er das vorletzte belegte Brot – mit Bauernmettwurst aus dem Real – und beißt die Hälfte ab. Seine Backen ähneln denen eines Hamsters; beim Kauen presst sich ein Teil der breiigen Masse aus den Mundwinkeln heraus.

Die Stille in der Küche verstärkt das kurzatmige Schnaufen, das den schmatzenden Kauakt begleitet. Es konkurriert in ihren Ohren mit dem Dauerdröhnen, dass sie seit Wochen begleitet.

Jetzt nimmt er einen Schluck. Spülende Mundbewegungen lassen Bier und Essensreste an den Mundwinkeln herablaufen. Der Hustenanfall befördert den restlichen Inhalt der Mundhöhle ins Freie. Dicke Flatschen landen auf dem Tisch und auf den leeren Bierflaschen, von denen sie langsam auf die Tischplatte rutschen. Sein Gesicht nimmt eine gefährliche Röte an, Schweiß steht ihm auf der Stirn. Sie klopft ihm auf den Rücken, unwillig und voller Wucht schlägt er ihren Arm weg.

Das Husten verebbt. Er nimmt einen weiteren Schluck. Die letzte Schnitte, mit Mett und Zwiebeln, verschwindet mit zwei Bissen in seinem Mund. Dann geht sein Blick suchend zur Arbeitsplatte.

Nicht gut. Sie hatte zu wenig Brote geschmiert.

„Ich schmier dir noch ein paar Brote. Kassler und Sauerkraut ist übrigens auch noch im Kühlschrank. Soll ich es dir eben warm machen?“ fragt sie hastig und unterwürfig. „Ich kann dir auch noch eine Schnitte mit Mett machen, wenn du ...“

Er steht auf und stößt sie grob beiseite. Sie taumelt gegen den Küchenschrank, reibt sich die schmerzende Hüfte. Auf dem Weg zur Spüle zieht er die Nase hoch und sammelt den Schleim hinten in der Kehle, um ihn dann in das Spülbecken zu spucken. Sein Blick fällt auf den Teller mit dem Mett. Schnell stellt sie sich neben ihn und zieht den Teller zu sich heran.

„Wir haben Ratten im Keller. Die Köderboxen helfen nichts. Der Hausmeister meinte, es sei eine gute Idee, wenn wir einen Tell ...“

Wortlos nimmt er ihr den Teller aus der Hand und holt eine Gabel aus der Küchenschublade. Dann hebt er ihn an seinen Mund und schaufelt mit der Gabel das Mett in sich hinein.

Sie schaut ihm schweigend zu. Mett mit Rattengift. Die Idee ist gut.

Deutsch akzentfrei

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Eine Kurzgeschichte von Martina Rens

 

Es war ja klar, dass sie sie verdächtigten. Wie könnte es auch anders sein. Galina Sokolowa.

Wer einen solchen Namen trägt, ist ein Spion. Oder eine Geheimagentin. Oder generell kriminell.

Egal. Mit ihrem russischen Namen stand sie unter Generalverdacht.

Kam früher in der Umkleidekabine eine Mütze weg, wer war es in den Augen der anderen? Galina.

Wurde beim Lehrer gepetzt? Na? Dreimal dürfen Sie raten. Genau. Galina.

Es interessierte niemanden, dass sie in Deutschland geboren war, besser Deutsch als manch einer ihrer Mitschüler konnte und einen IQ hatte, der weit über dem Durchschnitt lag. Nein, als Kind weißrussischer Eltern wurde sie eine Schublade gesteckt.

Später hatte ihr Name allerdings auch Vorteile …

„Du sprichst ja akzentfrei Deutsch, wow!“ war einer der Sprüche, den sie nicht mehr hören konnte und der auch jetzt bei ihr schlagartig für schlechte Laune sorgte.

Ja klar, und du sprichst ein bayrisches Kauderwelsch, dass mir übel wird, dachte sie wütend, als der Typ an Uni sie ansprach. 

„Ich bin Deutsche, wieso also sollte ich nicht akzentfrei Deutsch sprechen?“ blaffte sie ihn an, während sie ihren Laptop in der Tasche verstaute und sich dann an ihm vorbeidrängte. Sie lief die Treppen des Hörsaals hoch und war schon fast an der Tür, als er sie einholte.

„Entschuldigung, das war blöd von mir. War nicht so gemeint. Ich meine, eh also …“ stammelte er etwas verlegen.

Ruckartig drehte sie sich um, so dass ihre Köpfe fast zusammenstießen. 

„Was war nicht so gemeint?“ fragte sie so scharf, dass er zusammenzuckte.

„Ich hatte Vorurteile wegen deines Namens. Der Name klingt russisch, und da dachte ich automatisch, dass du aus Russland kommst und hier studierst“ sagte er kleinlaut.

„Ach ja. Und du hast wahrscheinlich auch automatisch gedacht, dass ich eine russische Agentin bin, die hier im Informatikstudium die neuesten IT-Kenntnisse ausspioniert und sich dann in den Uniserver einhackt, um Ergebnisse zu verfälschen, oder Studenten für den russischen Geheimdienst anzuwerben, oder? ODER???!! Du kannst es ruhig zugeben“, sagte sie spöttisch.

„Das habe ich überhaupt nicht gedacht“, verteidigte er sich. „Ich war überrascht, dass du überhaupt keinen Akzent hast, weil es hier doch so viele russische Studenten gibt. Und die haben halt alle einen Akzent“, sagt der junge Mann. Er lächelte Galina schüchtern an.

„Du mit deinem grottenfurchtbaren Bayerndialekt sprichst mich auf meinen Akzent an?“  Galina musste unwillkürlich grinsen, und er grinste zurück. 

„Eins zu null für dich.“ Er streckte ihr die Hand hin. „Ich heiße Felix. Felix Freudenthal.“

„Galina Sokolowa“. Sie ergriff seine Hand und schüttelte sie.

„Ich weiß“, sagte er. „Ich habe es auf dem Namensschild an deiner Jacke gelesen.“

Galina sah ihn an. Abgesehen von seinem Dialekt wirkte er eigentlich ganz sympathisch. Ungefährlich.

„Studierst du auch Informatik?“ 

„Nein, ich habe bei meiner letzten Vorlesung in dem Hörsaal ein Buch liegenlassen, das wollte ich eben holen.“ Er hielt das Buch hoch.

„Ach so.“  Etwas unschlüssig blieb sie stehen. „Also ich muss jetzt weiter …“

„Hast du Lust, heute abend etwas trinken zu gehen?“ fragte Felix. „Ich meine, natürlich nur, wenn du nichts anderes vorhast und ich dir nicht unsympathisch bin …“

Bingo. Da hat aber einer schnell angebissen. Genau das, was sie wollte. Triumphierend lächelte sie innerlich.

„Eehm, ok. Ja, warum eigentlich nicht. Wann und wo?“

„Café Coole Schnute“ am Damm? Halb acht?“ Er sah sie fragend an.

Sie hatte gehofft, dass er das Café vorschlug. „Ok, halb acht heute abend in der Coolen Schnute.“  Sie wandte sich zum Gehen. „Ich muss jetzt wirklich los, sonst verpasse ich mein Seminar.“

„Ok, bis heute abend. Ich freu mich!“ Felix lachte sie an.

Ich mich auch. Aber wahrscheinlich anders als du denkst. 

Galina Sokolowa machte sich für den Abend sorgfältig zurecht. Der Winter kam ihr dabei gerade recht.

Fünf nach halb acht betrat sie das Café und sah sich um.

Felix Freudenthal war bereits da. Er stand zusammen mit einem anderen Mann an der Theke und führt offenbar ein etwas angespanntes Gespräch. Als er sie sah, wechselte er einen kurzen Blick mit seinem Gesprächspartner, klopfte auf den Tresen und stieß sich mit einem Ruck ab. Er nahm das Buch, das auf dem Tresen lag und steckte es in seinen Rucksack. Es handelte sich um dasselbe Buch wie heute morgen in der Uni. Klinische Psychologie. Dick und in Hardcoverausführung. Felix Freudenthal war wohl ein begeisterter Leser …

Lächelnd kam er auf Galina zu. „Hey, da bist du ja. Sollen wir uns an einen Tisch setzen?“ fragte er sie und ging voran. 

Der Tisch lag im hinteren Bereich des Cafés. Perfekt. Felix rutschte auf die Holzbank und legte seinen Rucksack neben sich. Galina rutschte auf der anderen Seite neben ihn. Ihre Winterjacke behielt sie an.

„Ist dir kalt?“ fragte er sie.

„Ja, ich glaube, ich bekomme eine Erkältung“ sagte sie entschuldigend. Die Jacke werde ich sicher nicht ausziehen.

„Ich hole uns mal etwas zu trinken, ok?“ sagte Dennis und wurmte sich wieder nach vorne.

„Danke. Für mich bitte einen Pfefferminztee“, sagte sie lächelnd. Felix lächelte zurück und verschwand Richtung Theke.

Sobald er ihr den Rücken zudrehte, öffnete Galina unauffällig seinen Rucksack. Das Buch lag sichtbar ganz oben auf zerknüllter Kleidung. Sie zog ihren Ärmel über ihre rechte Hand und öffnete es.

Bingo. 

Schnell sah sie sich im Café um. Der Mann, mit dem Felix Freudenthal an der Theke gesprochen hatte, war gegangen. 

Das Café war nur halb voll. Es würde erst später voll werden. Ideale Bedingungen.

Felix kam zurück, ein Tablett mit ihren Getränken über seinem Kopf balancierend.

Sie drückte den ersten Knopf an ihrer Jacke, nachdem er sein Bier und ihren Tee auf den Tisch gestellt und sich wieder hingesetzt hatte.

„Felix Freudenthal? Ich verhafte Sie wegen des Verdachts auf Dealen mit Drogen“, sagten einer der Polizisten, die sich vor dem Tisch von Galina Sokolowa und Felix Freudenthal aufgebaut hatten.

„Alles klar Kollegen. Es ist das Buch in seiner Tasche“, sagte Galina und erhob sich.

Hier findet ihr Geschichten, die veröffentlicht wurden, sei es in einer Anthologie oder im Selfpublishing, sowie Bücherübersetzungen.

Göllheimer Geschichten II

Weltmeister-Raub

 

„Camo ist weg!“ Als Rainer Mattes die Haustür aufschloss, kam ihm seine Frau aufgelöst entgegen. „Die Zwingertür steht offen und er ist weg!“

Das konnte nicht sein, er hatte doch die Tür abgeschlossen, als er gegangen war. Oder etwa doch nicht? Hatte er es diesmal vergessen, und hatte Camo durch Springen die Türklinke heruntergedrückt und war dann weggelaufen, den Spuren irgendeiner einer läufigen Hündin nach?

Doris Mattes musste ungefähr dasselbe denken, denn sie sah ihren Mann an und fragte scharf: „Rainer, hast du vergessen, die Tür abzuschließen?“

„Nein, ich bin mir sicher, dass ich abgeschlossen habe, bevor ich zurück in die Bank gefahren bin.“

„Musst du aber fast, denn anders würde die Tür ja nicht offen stehen.“

Er wurde unsicher. Sein Handy hatte geklingelt, als er Camo in den Zwinger brachte und er hatte den Anruf entgegen genommen. Hatte er sich dadurch ablenken lassen? Es sah ganz danach aus. Schuldbewusst sah er seine Frau an. „Wir müssen ihn suchen. Wer weiß, wo er mittlerweile ist, wenn er einer heißen Lady hinterher geschnüffelt hat.“

„Ich werde unsere Nachbarn fragen. Vielleicht haben die ja was gesehen“, sagte seine Frau und war schon aus der Tür. Er ging in die Küche, holte eine angebrochene Leberwurst aus dem Kühlschrank, nahm Halsband und Leine des Hundes und verließ ebenfalls das Haus. Der Hund konnte schon kurz nach halb zwei weggelaufen sein, wo fing er also an, zu suchen?

Weiterlesen? Meine Geschichte gehörte zu den Gewinnern des Schreibwettbewerbs und wurde in der Anthologie "Göllheimer Geschichten II" veröffentlicht. Das Buch ist über die üblichen Handelswege zu beziehen.

Göllheimer Geschichten II, ISBN: 978-3-86963-340-4

3x KURZ GEL...ESEN

Reiner Zufall
Sie stand am Schaufenster und sah sich die Mäntel an. Eigentlich könnte sie sich ja jetzt einen etwas schickeren Mantel kaufen, jetzt, da Dexter ...

Ihr Mann zupfte sie leicht am Arm. „Dreh dich mal um, hinter dir ist ein junger Hund.“

Ruckartig drehte sie sich um. Ungefähr 5 Meter von ihr entfernt stand ein Welpe auf der Straße und sah sie abwartend an. Eine junge Frau hatte ihn an der Leine und blieb stehen, weil der Hund nicht mehr weiterging.

„Er sieht aus wie Dexter, als er noch klein war.“ Ihr stiegen die Tränen in die Augen.

Beim Wort Dexter spitzte der Hund die Ohren. Und dann stürmte er bellend und quietschend auf sie zu. Die junge Frau war so perplex, dass sie die Leine losließ.

Mehr lesen? Das e-book kann über den Button unten bestellt werden.
Lieber ein "echtes" Buch? Das Buch ist in begrenzter Anzahl mit Softcover für € 3,99 zzgl. Porto (1,-- €) erhältlich. Bestellen könnt ihr es bei mir. Einfach eine kurze e-Mail an m.rens@web.de. 



Vechtegeschichten - Vechtverhalen


Zwischen den Zeiten

Diesmal buddelte der Hund unten am Ufer. Der Wasserspiegel war ungewöhnlich niedrig. Die lange Trockenheit hatte die Vechte in ein schmales Rinnsal verwandelt, an dessen Seiten ein breites Kiesband entlanglief. 

Es war Hochsommer, daher verlegte Svenja die Spaziergänge mit ihrer Hündin in die frühen Morgenstunden. 

Sie schlenderte  den Feldweg entlang. Von Minna war nur etwas zu sehen, wenn sie kurz im hohen Unkrautstreifen zwischen Vechte und Weg auftauchte und kontrollierte, ob ihr Frauchen auch ja nicht verschwunden war. Die Fellnase hatte ein neues Hobby: Bisamratten aufspüren. Das Flussufer war wie ein Schweizer Käse von ihren Bauten durchlöchert. Jetzt, da der Vechtepegel ein besorgniserregendes Tief erreicht hatte, wurde das ganze Ausmaß sichtbar. Die Nagetiere waren zur Plage geworden, hier und da war bereits das Flussufer eingestürzt. Die Hündin tat ihr Bestes, um ihren Beitrag zur Bekämpfung der lästigen Viecher zu leisten und grub mit großer Begeisterung und Ausdauer. Zwar schaffte sie es nie, ein erwachsenes Exemplar zur Strecke zu bringen, doch gelegentlich glückte es ihr, ein Nest mit Jungen auszubuddeln. Heute wurde der Erfolg von aufgeregtem Bellen begleitet. Eine völlig verdreckte Hündin kam in hohem Tempo auf Svenja zu gerannt und signalisierte mit einem Anstupsen ihrer Hand, dass sie mitzukommen und den Erfolg zu begutachten hatte. 

„Na, sollen wir mal schauen, was du gefunden hast?“ fragte Svenja ihren Hund, der schon wieder begeistert zum Ufer zurücklief. Sie selbst nahm den schmalen Trampelpfad, der zum Wasser führte. In einer kleinen Bucht, da wo das Ufer ein Stück abgestürzt war, sah sie zahlreiche Abdrücke verschiedener Tiere.

Zum Glück war das Ufer durch Minnas Buddelei nicht weiter eingestürzt. Svenja hielt sich an einer Baumwurzel fest, die aus dem steilen Ufer herausragte, setzte erst den einen und dann den anderen Fuß in die lockere sandige Erde die Böschung hinab und beugte sich vorsichtig nach vorne. Der Hund stand schwanzwedelnd neben ihr und sah sie abwartend an. 

Das ausgegrabene Nest bestand aus getrocknetem Moos und war leer. Svenja machte einen weiteren Schritt nach unten – und verlor das Gleichgewicht. Instinktiv suchte sie Halt, bekam jedoch nur Erde zu fassen und rutschte hinunter. Sie stand auf und klopfte sich den Sand ab. Durch ihr Manöver war ein Teil der Böschung ins Rutschen geraten. Sie wollte gerade den Trampelpfad hinaufkraxeln, als sie aus dem Augenwinkel etwas Rotes aufblitzen sah. 


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Bücherübersetzungen

Selbstorganisierte Teams in der Praxis - Vorderseite

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Autoren: Astrid Vermeer und Ben Wenting
Ein Buch und Ratgeber über Eigenverantwortlichkeit und Selbstbestimmung in Arbeitsteams.


Selbstorganisierte Teams in der Praxis - Rückseite

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Autoren: Astrid Vermeer und Ben Wenting (ivs-opleidingen.nl)
Übersetzung aus dem Niederländischen: Martina Rens
ISBN: 978 94 6350 044 9
Verlag: SDU Uitgevers

Selbstorganisation, wie sie richtig funktioniert -Vorderseite

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Autoren: Astrid Vermeer und Ben Wenting
Selbsorganisation, wie sie richtig funktioniert: Kein Delegieren von oben, sondern gemeinsam im Team Beschlüsse nach dem Konsensprinzip fassen, sodass jedes Teammitglied die Verantwortung für die getroffenen Vereinbarungen übernehmen kann. (...)
Das Buch ist eine Fortsetzung des Buches "Selbstorginastion in der Praxis" der gleichen Autoren.

Selbstorganisation, wie sie richtig funktioniert -Rückseite

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Autoren: Astrid Vermeer und Ben Wenting (www.ivs-opleidingen.nl)
Übersetzung aus dem Niederländischen: Martina Rens
ISBN: 978 90 124 0135 7
Verlag: SDU Uitgevers